Zurück in die Schule und der Plan war von Anfang an klar:
Bewusst Diätfrei auch an Schüler*innen weitertragen. Körperakzeptanz stärken, intuitives Essen zugänglich machen, Vertrauen in den eigenen Körper fördern.
Was ich in diesem Jahr erlebt habe, hat mich gleichzeitig bestätigt und auch echt überrascht. Das Thema ist relevanter, als ich es mir vorgestellt hatte. Der Bedarf ist riesig. Und es fängt viel früher an, als viele denken.
Schon in den ersten Wochen war das Thema überall
Ich musste nicht lange suchen. Die Kinder kamen von selbst auf mich zu, ohne dass ich das Thema angesprochen hätte. So erzählten mir Schüler:innen, wie es ihnen mit ihrem Körper geht, was sie essen (dürfen) und was nicht.
Meine erste Begegnung war ein Junge aus Klasse 5, der mir erzählte, dass seine Eltern – beide laut seiner Aussage selbst dick – große Angst haben, dass er auch zunimmt. Deswegen bekommt er genaue Vorgaben, was er essen soll und achtet selbst drauf, bloß nicht zu ungesund zu essen. Er sagte dann einen Satz, den ich seitdem immer wieder in Vorträgen zitiere: „Dick sein ist doch der größte Debuff, den es gibt.“
Ich kannte den Begriff nicht. Das Wort Debuff begegnet uns in Computerspielen – es bedeutet, dass der eigene Charakter abschwächt wird. Ein Debuff ist also ein Nachteil. Und Dick sein sei der größte Nachteil im Leben, meinte er. Und er meinte damit nicht nur Gesundheit, sondern auch: ausgelacht werden, ausgeschlossen werden.
Ein Kind. Aus Klasse 5.
Sportgeräte zum Abnehmen und Traumleben ohne Körper
Ein Mädchen aus der Familie, zu damaligen Zeitpunkt 8 Jahre alt, sah unseren Crosstrainer im Fitnessraum sagte: „Ah, das ist so ein Gerät zum Abnehmen.“ Kein Gerät für Bewegung, für Spaß, für Kraft. Sondern zum Abnehmen.
Das ist das Problem. Bewegung wird nicht mehr mit Freude, Kondition oder Gesundheit verknüpft. Sondern mit Abnehmen. Weil dick sein ja der größte Debuff ist. *ironie off*
Ein anderes Mädchen aus Klasse 6 zeigte mir ein Bild, dass sie in Kunst malen sollten: ihr Traumleben. Haus, Pool, Hund. Und sich selbst. Das Erste, worauf sie mit dem Finger zeigte, war nicht der Pool. Sie zeigte auf ihren gemalten Bauch und sagte: „Das bin ich in meinem Traumleben. Ich will richtig, richtig dünn sein.“ Die Figur, die sie gemalt hatte, war übertrieben dünn, unnatürlich dünn.
Dieses Kind war nicht mehrgewichtig, obwohl es eigentlich keine Rolle spielen sollte.. aber trotzdem. Es hatte eine völlig normale Figur! Und sein erster Gedanke bei der Frage „Was willst du erreichen?“ war: dünn sein. Dasselbe Kind durfte übrigens nicht mit zum Kuchenbasar, weil die Mutter Kuchen verboten hat.
90 Prozent erleben Gewichtsdiskriminierung in der Kindheit
Ich sags gleich ehrlich: Das ist keine repräsentative Studie. Aber es ist eine sehr realistische Schätzung aus Jahren Coaching-Arbeit und den Berichten von meinen Kundinnen und aus der Community: Rund 90 Prozent meiner Kundinnen haben ihre ersten negativen Erfahrungen mit ihrem Körper, ihrem Gewicht und ihrem Essverhalten in der Kindheit oder Jugend gemacht.
Dort fängt alles an. Deswegen ist dieses Thema so wichtig. Und deswegen hilft es langfristig nicht, mit Ernährungstipps um die Ecke zu kommen, wenn die eigentliche Ursache viel tiefer liegt. Du kannst noch so viel Wasser trinken und ballaststoffreich essen. Wenn emotionaler Heißhunger seinen Ursprung in der Kindheit hat, löst das keine App und keine Diät.
Genau das ist die Arbeit, die ich mit meinen Kundinnen mache: tiefer graben. Den Ursprung finden. Glaubenssätze auflösen, die sich vor Jahrzehnten festgesetzt haben.
Pubertät ist eine Großbaustelle im Gehirn
In der Pubertät ist das Frontalhirn eine echte Baustelle. Genau der Bereich, der für rationales und logisches Denken zuständig ist. Deswegen fällt in dieser Phase vernünftiges Entscheiden so schwer. Nicht weil Jugendliche nicht wollen, sondern weil das Gehirn gerade umbaut.
Gleichzeitig ist der emotionale Bereich aktiver. Das erklärt die Stimmungsschwankungen, die Emotionalität und das stark erhöhte Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Jugendliche wollen dazugehören. Sie wollen nicht ausgeschlossen werden. Sie wollen einem Ideal entsprechen.
Das macht diese Phase so empfindlich für Körperbild-Probleme und Essstörungen. Was sich in der Pubertät prägt, sitzt tief. Das kennst du vermutlich selbst, wenn du betroffen bist. Es ist so schwer aufzulösen, weil es so lange schon in dir drin steckt, obwohl du rational weißt, dass du anders denken willst.
Social Media und Clean Girl Content – Was ist noch real?
Das Problem ist außerdem, dass die heutigen jungen Generationen schon sehr zeitig Zugang zu einer Welt haben, die total unrealistische Vorbilder zeigt: Social Media. (keine Überraschung, i know)
Eine Fünftklässlerin zeigte mir YouTuberinnen, denen sie folgt. Darunter sogenannter „Clean Girl Content“. Sie erklärte mir: Das sind die, die alles ordentlich haben, minimalistisch leben, gesund essen, sich an Regeln halten. Alles clean.
„So will ich auch sein. Das ist so schön!“, sagte sie und zeigte mir verschiedene Fotos, wo alles super krass aufgeräumt, ordentlich und sauber ist. Passend dazu ein „What I Eat in a Day“-Video, indem nur Obst, Gemüse und absolut unverarbeitete Lebensmittel zu sehen waren. Clean Eating eben – ein Begriff, den es ja nun auch schon einige Jahre gibt, aber das ganze Leben so zu bezeichnen war mir persönlich auch neu: Clean Girl will sie werden. Mit 11 Jahren.
Ich habe ihr ein paar kritische Fragen gestellt: Glaubst du, dass hinter der Kamera immer alles so perfekt ist? Sie hat selbst überlegt und gesagt, nein, die räumen da sicher extra auf und zeigen vielleicht gar nicht alles.
Und das stimmt, aber die Wahrnehmung von nur perfekten Inhalten setzt uns trotzdem unbewusst unter Druck und Kinder sind leider noch nicht so reflektiert genau das zu merken…
Es gibt eine Studie, die zeigt: Weniger als zehn Minuten Konsum von Schönheitsidealen und magerverherrlichenden Inhalten reichen aus, um das Selbstbild von Kindern und Jugendlichen messbar zu verändern und das Risiko für Essstörungen zu erhöhen. Zehn Minuten.
Und vielleicht denkst du jetz… was ist daran denn schlimm, wenn sie gesunde Ernährung sieht?
Das Problem ist eher der enorme Druck, dass es eben nur dann perfekt und damit „gut genug“ ist. Schon zeitig formt sich ein Selbstbild, was keine Fehler zulässt und genau das kann langfristig zum Problem werden: mental und körperlich.
Was du mitnehmen kannst
Wenn du Elternteil bist: Schau dir an, wie du über Essen, Körper und Bewegung sprichst. Sportgeräte sind zum Bewegen da, nicht zum Abnehmen. Kuchen ist kein Feind. Und dein Kind braucht kein „Du wirst sonst so wie wir“ als Erziehungsstrategie.
Setze den Fokus auf gesunde Gewohnheiten, statt auf „gut und böse“. Studien zeigen, dass unsere Gesundheit ganz unabhängig vom BMI mit gesunden Gewohnheiten verbessert werden kann – und „Abnehmen“ ist keine Gewohnheit.
Wenn du in der Pädagogik oder Sozialarbeit arbeitest: Das Thema kommt zu dir, ob du willst oder nicht. Kinder sprechen darüber, wenn du Raum dafür gibst. Und Vertrauen ist mehr wert als jeder Vortrag.
Und wenn du selbst betroffen bist: Schau, wann es angefangen hat. Nicht um in der Vergangenheit zu graben, sondern um zu verstehen, was du wirklich bearbeitest. Die meisten Themen rund um Essen und Körperbild haben eine Geschichte. Und die beginnt selten im Erwachsenenalter.
Bewusst Diätfrei trifft Schule
Mit „Bewusst Diätfrei trifft Schule“ möchte ich eine neue Perspektive auf Körper und Ernährung in die Welt bringen.
Weg von langweiligem „Apfel ist gesund, Schokolade ist ungesund“, hin zu einem tieferem Verständnis, wie Ernährung und Körperbild wirklich beeinflusst wird.
Emotionen beim Essen, Herkunft von Schönheitsidealen und Ideen, wie wir Gesundheit wirklich langfristig und vor allem ohne essgestörtes Verhalten, mentalen Druck und Diskriminierung fördern können.
Weil es um so viel mehr geht, als nur Essen und Gewicht